|
Inzwischen jedoch hatte nach dem Aussterben des klevischen Herzoghauses Preußen-Brandenburg im Vertrag von Xanten 1609 den Niederrhein an sich gebracht. Damit brach eine harte Zeit an. Denn naturgemäß bevorzugte der Kurfürst bzw. spätere König von Berlin seine brandenburgischen protestantischen Adelsfamilien und schickte ihre Mitglieder als Beamte an den katholischen Niederrhein. Die einheimischen Geschlechter, welche ihren Glauben nicht wechseln wollten, verloren damit ihre einflussreichen Positionen, die sie sich während der fast 600jährigen klevischen Herrschaft erworben hatten. Damals entstanden die reformierten Kirchen von Xanten, Kalkar und Mörmter und in Vynen geriet um diese Zeit Haus Haag in die Hände der preußischen Kriegsräte, die es 1740 in den heutigen Zustand umbauten. Auch besetzten, von den Preußen gerufen, die Franzosen in den folgenden Zeiten mehrmals unser Dorf, so 1679, während des spanischen Erbfolgekrieges nach 1700 und vor allem im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763). Wie unbeliebt die Preußen am Niederrhein waren, zeigt die Bemerkung Pfarrer Tacks (1757-1787), der eigens erwähnt, dass er nicht vom König, sondern von der Kaiserin Maria Theresia zum Pastor in Vynen eingesetzt worden sei. Er verfasste übrigens gegen die Ansprüche Preußens eine kritische Abhandlung über die legale Erbfolge in Kleve-Mark, deren Manuskript im Xantener Archiv aufbewahrt wird.
Leider machten sich die Preußen auch im folgenden Jahrhundert nicht beliebter. 1835 warfen sie den Kölner Erzbischof Clemens August ins Gefängnis und im Kulturkampf verbannten sie den Bischof Bernhard Brinkmann von Münster außer Landes. Vynener Bauern, welche denselben anlässlich der Firmung mit einem feierlichen Reiterzug eingeholt hatten, wurden vor Gericht zitiert und hart bestraft. So ist nicht zu verwundern, dass die 3 Jahrhunderte der preußischen Herrschaft am Niederrhein ein trauriges Bild bieten gegenüber dem Glanz der Klevischen Zeit. Damals waren die Grafen und Herzöge selber aus niederrheinischem Geblüt, hatten denselben frommen Glauben wie ihre Untertanen (vgl. das Stundenbuch der Katharina von Kleve!) und das eine Ziel, die Städte und Dörfer ihres Landes hochzubringen und ihre Bewohner in Frieden und Glück leben zu lassen.
Indes soll nicht verschwiegen werden, dass die Preußen auch gute Seiten hatten. Wenn unsere Väter und Großväter z.B. auf ihre zweijährige Militärdienstzeit mit ihrer vorbildlichen Zucht und Ordnung zu sprechen kamen, leuchteten ihre Augen. Ein weiterer Gewinn wir die Modernisierung der Kommunalverwaltung. An die Stelle der klevischen Gerichte treten etwa ab 1675 Ämter mit Bürgermeistern an der Spitze. Vynen kam zunächst unter Xanten (Bürgermeister Printz und Horn, die auch in Vynen Besitz erwarben: Printzenkathe!). Um 1760 erscheint als erster Bürgermeister in Marienbaum J.H. Deymann (+1793) von der Wassermühle, der zugleich Deichgräf ist. Ihm folgt 1793 Peter Jordans, der 1754 von Nettesheim b. Neuß mit seinem Bruder Heinrich nach Marienbaum gekommen war und dort schnell Fuß gefasst hatte. Er starb 1800, so dass nach kurzer Amtszeit eines Theodor Deymann (bis 1802) sein Sohn Bernhard Jordans (1802 - 1808, im Hotel Deckers) folgen konnte. Von 1808 bis 1812 finden wir Bürgermeister Verweyen, anschließend wieder von 1812 - 1823 einen Theodor Jordans (bis 1831 1. Beigeordneter). Von 1824 - 1851 ist Vynen/Marienbaum nämlich wieder mit Xanten vereinigt, nur ein Standesbeamter bleibt. Darauf folgt 1851 - 1899 Bernhard Jordans und bis 1945 Heinrich Jordans, der 1923/24 von der Besatzung 8 Monate ausgewiesen wird und als ein Vorbild preußischer Pflichttreue angesehen werden kann. Das Bürgermeisteramt erhält 1879 zur Poststelle einen Telegrafen hinzu und 1905 Telefon. Die erste öffentliche Sprechstelle in Vynen wird 1910 bei Kleintjes eingerichtet. 1904 wird die Eisenbahnlinie in Betrieb genommen, die zunächst quer durch Vynen geplant war.
Ein besonderes Verdienst hat sich die preußische Verwaltung auch durch die Einführung der Personenstandsregister erworben, die von etwa 1680 an durch das Vynener Pfarramt und dann seit Napoleon vom Standesamt geführt werden. Durch sie werden in Vynen erst feste Familiennamen üblich, weil man sich vorher immer noch nach dem Hof oder Kotten nennen konnte, den man gerade innehatte. So kann jetzt jedermann seine Vorfahren in Vynen bis 1680 aufspüren, da alle Bücher hervorragend erhalten sind. Zu den ältesten Vynener und Marienbaumer Namen, die auch heute noch existieren, gehören um 1700: van Elten, Gesthuysen, van Dyck, Hoymans, Maas, Daemen, Wientjens, Terschluisen, Alders, Kempkes, Wynemans, Frys, Kerstjes, Scholten. Eine segensreiche Tat der preußischen Regierung war auch die Einführung der Schulpflicht, welche für Vynen um 1700 überliefert ist. Damals war der Küster zugleich Lehrer und unterrichtete in der nach 1700 erbauten alten Küsterei. Erst 1830 wurde ein größerer Schulraum (seit 1930 Martinssaal) angebaut. Beide Gebäude, die hinter der Kirche standen, sind inzwischen abgebrochen. Da die Vynener sich auch durch die Preußen von ihrem katholischen Glauben nicht hatten abbringen lassen, blieb der Pastor weiterhin Kopf und Herz der Dorfgemeinschaft. Auf Lambertus Moshövel (1665 - 1679) folgten Balthasar de Greeff (1679 - 1711) und Dominikus de Hondt (1711 - 1713), der vorher Prior in Marienbaum war, aber um seine alte Mutter zu sich nehmen zu können, die Pfarrstelle in Vynen annahm. 36 Jahre blieb Christopher Christen (1714 - 1750), zugleich Vikar am Viktorsdom, als Pfarrer in Vynen. Er gehört zu den tüchtigen Pastören Vynens, wird aber von seinem Nachfolger Theodor Tack (1757 - 1787) noch weit übertroffen. Dieser nach den kurzen Amtszeiten von Franz Schmeying (1751 - 1756) und Theodor Bültjes (1756 - 1757) eingesetzte Pastor stammte aus Xanten, wo heutzutage noch Tacks anzutreffen sind. Sein Elternhaus stand direkt hinter dem Rheintor rechts und wurde erst im letzten Krieg zerstört. Theodor Tack war ein ungewöhnlich begabter und zugleich frommer Priester. Er galt in seiner Heimatstadt, deren ehrwürdiger Tradition er seine wissenschaftliche Forschertätigkeit widmete, als bester Kenner der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache. Seine zahlreichen Manuskripte über die Geschichte des Domes, das Martyrium des hl. Viktor und die Viktorstrachten, und vor allem seine archäologischen Abhandlungen werden im Xantener Archiv aufbewahrt. Ihm allein ist es zu verdanken, dass die im 18. Jahrhundert in Birten und in der Colonia Trajana vor der Stadt gefundenen römischen Altertümer der Nachwelt präzise und genau überliefert wurden. Pastor Tack, der auch Vikar am Xantener Dom war, verband seine große Gelehrsamkeit mit gleicher Gottesfurcht. Er enthielt sich 40 Jahre jeden Wein- und Fleischgenusses und führt in einer seiner Abhandlungen folgendes Beispiel an: "Es kam zu mir in meine pastorale Behausung in Viennen, etwas unter Xanten am Rhein, vor gar kurzer Zeit ein Mensch ungefähr 30 Jahre alt. Er war ganz bleich und blass im verstellten Angesicht, seine Augen stunden ihm schier verkehrt im Kopf, zitterte gar jämmerlich am ganzen Leibe und sagte: ich möchte ihm doch helfen, er müsse bei mir beichten. Ich verzögerte auch nicht lang, aus Furcht, der gute Mensch möchte ganz von Sinnen kommen. Da er nun wohl und aufrichtig gebeichtet, ich denselbigen auch nach katholischer Ordnung absolvieret, so ist er von seinen Knien aufgestanden und war also in einem Augenblick in einen anderen, ja neuen Menschen verändert. Sein fröhliches Angesicht, so er mir mit aller Klarheit zeigt, war ein deutliches Zeichen seiner wiederum erhaltenen Gewissensfreiheit und innerlichen Ruhe, so er aus menschlicher Schwachheit verloren hatte. Derowegen gibt der Heilige Geist allen ihr ewiges Heil liebenden Sündern diesen notwendigen Rat: Um deine Seele zu erretten, schäme dich nicht, die Wahrheit zu sagen. Denn es ist eine Schamhaftigkeit, welche Sünd mit sich führet; und es ist eine Schamhaftigkeit, welche Ehr und Gnad mit sich führet." "Mein verehrter und geliebter Vorgänger entschlief am 18. April 1787 fromm und friedlich hier in Vinnen und wurde am 20. April unter seinen Mitbrüdern im Dom zu Xanten beigesetzt. Er war 73 Jahre alt." So schreibt Pastor Jakob van de Sandt (1782 - 1821), der seinem Onkel ab 1782 als Koadjutor beigegeben worden war. Tacks Ruhm erlosch auch nach seinem Tode nicht. In einem Gedichtband von J. Th. Engelskirchen, Xanten, 1805, findet man in lateinischen Hexametern die Worte: "Sage, mein Tack! Wo bleiben sie, deine Schriften? Dem Rufe sind sie schon lange bekannt. Zögere nicht länger, mein Freund! Des Geistes unsterbliches Denkmal lass nicht länger in Nacht! O, welch strahlenden Glanz wird Xanten verbreiten, wenn deine Schriften dastehen enthüllt. Auch die süßen Kamönen, die liebst du mit inniger Liebe! Malest im Öle dem Aug' Dörfer und Städt' und unserer Ahnen rühmliche Taten! Immer bleibet dein Lob."
Die französischen Revolutionstruppen, welche 1795 auch in Vynen einmarschierten, brachten eine ganz neue Zeit mit sich. Nach dem Frieden von Luneville 1801 wurden alle alten Grundherrschaften aufgehoben und den Bauern zum Kauf angeboten. Auch das Kloster Marienbaum sowie der Vynener Staatsbesitz gehörten dazu. Die Bauern erhielten das Land jedoch nicht umsonst, sondern mussten hohe Summen dafür zahlen. Sie liehen es sich von reichen Bankiers zu hohen Zinsen und hatten Jahrzehnte damit zu tun, ihre Schulden abzubezahlen. Auch sonst zeigte sich bald, dass zur Verwirklichung der an sich guten Ideale "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auch Menschen gehören, die sie uneigennützig durchzuführen bereit sind. Die soziale Katastrophe des Frühkapitalismus mit seiner Geburt des Proletariats ließ auch das Land nicht ungeschoren. Während es vor 1800 im großen und ganzen nur einen Stand in Vynen gegeben hatte (es lässt sich das an den Heiraten ablesen!), entstand jetzt auch hier neben den reichen Bauern die Schar der in dürftigen Verhältnissen lebenden Tagelöhner. Möge unsere Zeit daraus lernen, dass zu einem Wirtschaftswunder auch eine ständige Gesinnungsreform notwendig ist, wenn es nicht ins Gegenteil umschlagen soll. Immerhin kann man berichten, dass die neue Freiheit es um 1800 den Bewohnern Vynens zum ersten Mal ermöglichte, sich Grundstücke für eigene Häuser zu erwerben. Während vorher Jahrhunderte lang nur 45 Höfe und Kotten in Vynen standen, in denen oft mehrere Familien mit vielen Kindern hausen mussten, wurden damals innerhalb weniger Jahre 17 neue Häuser dazu gebaut. Im Jahre 1829 sind es dann bereits 91 Häuser und heuer (1967) hat ihre Zahl in der Gemarkung Vynen schon die 300 überschritten und wächst noch ständig weiter. Ist es ein Zeichen für die ungebrochene Lebenskraft der Dorfgemeinschaft oder nur ein Ausdruck der Höhe ihres Lebensstandards? Aufgrund eines statistischen Vergleichs muß man leider zugeben, dass Lebensstandard und Geburtenzahl der letzten Jahrhunderte in Vynen in umgekehrtem Verhältnis zueinander stehen. Hier der Beweis:
| Zeitraum |
Taufen |
Tote |
davon Kinder |
Trauungen |
| 1700-1750 |
452 |
315 |
127 |
123 |
| 1751-1800 |
670 |
511 |
182 |
170 |
| 1801-1850 |
1002 |
546 |
206 |
231 |
| 1851-1900 |
1618 |
954 |
116 |
252 |
| 1901-1950 |
1250 |
752 |
62 |
-- |
Die preußische Epoche unsere Heimat fand ihr schreckliches Ende im "Tausendjährigen Reich" des Nationalsozialismus. Aus der Evakuierung nach Bedburg während der letzten Kriegsmonate 1945 kehrte ein geläutertes Volk in seine total ausgeplünderte Heimat zurück. Die Vynener gingen jedoch unverzüglich an den Wiederaufbau ihrer Heime und zum Festtag seines Jubiläums am Kirmessonntag 1967 wird sich ihr uraltes Dorf prächtiger und schöner denn je präsentieren: Ein wenn auch bescheidener Beweis mehr dafür, was unsere christliche Demokratie, die Epoche der Zukunft, in den vergangenen 20 Jahren aus der Bundesrepublik zu machen verstanden hat. Indes haben wir allen Grund, dabei das Wort Christi, dessen Botschaft der Liebe allein unser Vynen vor 1000 Jahren zusammengeschweißt hat, nicht zu vergessen: "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele!"
[ zurück ]
|