Klevische Zeit
(1020 - 1609)

Damit endet für Vynen die fränkische Periode. Denn nachdem Balderich und Adela auf dem Reichstag zu Nijmegen verbannt worden waren, wird hier von Heinrich II. im Jahre 1020, zum letzten Mal vom Kaiser, ein neuer Graf über den Hattuariergau gesetzt. Es ist Graf Rutger, ein Nachkomme Karls d. Gr., den der Kaiser, wie die Annalen von Kosterrat berichten, mit "dem dortigen reichen Königsgut" belehnt. Er nimmt seinen Wohnsitz auf der Schwanenburg und wird der Ahnherr der zukünftigen Grafen von Kleve. Zu seinem ersten Besitz, der sogenannten Urgrafschaft, gehört bereits der "Hof Vynen", der nun unter der tatkräftigen Förderung der neuen Herren mächtig aufblüht. Denn als junge Grafen, die sich erst noch ihr Herrschaftsgebiet schaffen müssen, haben die Klever verständlicherweise viel mehr Interesse an der politischen Förderung ihres Besitzes, darunter besonders Vynens als des südlichsten Zipfels ihrer Macht, als die fernen Könige. So entsteht an der Grenze Haus Balken als Zollstelle (ten balcken = Zu den Zollbalken) der Handelsstraße von Köln nach Holland.

  Vor allem jedoch erfährt die kleine Eigenkirche Vynens jetzt einen gewaltigen Aufschwung. Es kann als sicher gelten, dass sie erst jetzt, unter dem Einfluss der Klever Grafen, zur Pfarrkirche erhoben worden ist. Die Tatsache nämlich, dass die "Kirchwege" von Vyningshof, von Broechem (Marienbaum) und von Gesthuysen sämtlich die letzten Fluren der eigentlich Vynener Gemarkung durchschneiden, lässt ihre frühere Entstehung nicht zu. Außerdem musste es gerade den Klever Grafen daran gelegen sein, diese umliegenden Bauernschaften und Höfe, welche zum Teil anderen Grundherrschaften unterstanden, durch die kirchliche Organisation auch in ihre Gewalt zu bekommen. Denn sie waren ja die Patrone und Grundherren der St.-Martinus-Kirche. Zum Ausdruck dieser neuen Bedeutung St. Martins werden sie auch anstelle der ursprünglichen Lehmkapelle eine Steinkirche erbaut haben. Das würde gut zum frommen Grafen Arnold (1118 - 1134) passen, der ein Freund Norberts von Xanten war. Und es ist durchaus nicht unmöglich, dass sogar dieser wortgewaltige Reformer damals auch in Vynen gepredigt hat. 

Wir können darum verstehen, wie enttäuscht die Pfarrangehörigen waren, als 50 Jahre später ein Xantener Kleriker, der vom Grafen Derick die Vynener Kirche als Pfründe bekommen hatte, seine ihm anvertraute Herde einfach im Stich ließ. Probst Siegfried schildert in seiner berühmten Urkunde von 1167, welche bekanntlich der Anlass zu diesem Ortsjubiläum ist, dass die Vynener daraufhin seinem Vorgänger Theobald keine Ruhe gelassen hätten, bis er ihnen den frommen Priester Herwig aus Xanten zum Pfarrer gab und den Heribert absetzte. Mit diesem Herwig beginnt die stattliche Reihe der uns bekannten 36 Vynener Pfarrherren, die im Mittelalter meistens aus Xanten oder der näheren Vynener Umgebung stammten. So wird am Ende des 14. Jahrhunderts Dietrich v. Mörmter, gen. Theodor Ganss sowie dessen Kaplan und Nachfolger Goswin van Wetten. Das rege Interesse der Grafen für die Kirche von Vynen zeigte sich auch darin, dass sie dieselbe im Jahre 1334 für einige Jahre dem Stift Monterberg inkorporierten, sie in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts mit dem noch stehenden gewaltigen Turm ausstatteten und im Jahre 1448 eine große Summe für den Neubau des Mittelschiffes bereitstellten. Diese alten Teile der Vynener Kirche sind bedeutend kunstgerechter als die in den Jahren 1870 und 1914 angebauten Seitenschiffe einschl. heutigem Chor. P. Clemen beschreibt sie in seinen "Kunstdenkmälern, Düsseldorf 1892" als "spätgotischen Bau". "Der dreistöckige Westturm ist bis zur Mitte des zweiten Geschosses aus Tuff, in der oberen Hälfte aus Ziegeln errichtet. Einfache Verzierung durch Rundbogenfries, die beiden Obergeschosse mit spitzbogigen einachsigen Blenden. An der Nordseite ein kleiner Treppenturm. Das durch einen hohen Bogen mit der Turmhalle verbundene Langhaus, an der Nordseite in der unteren Hälfte aus Tuff errichtet, besteht aus 3 Jochen und dem Chorabschluß. Die Rippen setzen mit skulptierten Blattkapitälen auf 80 cm langen Dreiviertelstäben auf, die mit gemeißelten Köpfen abschließen. Spätgotisches einfaches Sakramentshäuschen aus Sandstein, mit einem Eselsrücken abgeschlossen, in der nördlichen Chorwand. Taufstein des 14. Jahrhunderts von Blaustein, rundes Becken ohne Eckköpfe auf Mittelzylinder und vier Ecksäulchen". So weit Clemen. Hinzuzufügen wäre noch die kostbare Taufschale aus dem Hochmittelaltar mit einer Darstellung Adams und Evas unter dem Lebensbaum und gotischer Ornamentik.  

Im Interesse einer einheitliche Ordnung, welche durch die Zuständigkeit jeder Grundherrschaft für ihre Hofesleute oft in ein und demselben Dorf sehr verworren war, waren die Klever Grafen früh darum bemüht, den Umfang ihres "Kirchspiels Vynen" genau festzulegen, um daraus ein sogenanntes "Gericht" zu machen. So lesen wir bereits im Urbar von 1319 vom "Gericht Vynen", dem damals sogar die klevischen Laten von Labbeck unterstellt sind. "Tusschen Biertenre beke end lede, tussche de Ryn en dwalt (Vynenre Berg!)" werden "vulschyrige Lude" (=hörige Leute) angegeben in der Weise, "dat een mansnaem styrft, soe neempt hi die halfscede vanden guede, mer styrvet een vrouwenaem, soe nympt hi tderdeel van de gude". Hier handelt es sich um das dem Niederrhein damals eigentümliche Leibgewinns- oder Behandigungsrecht, durch das an einer Hufe stets zwei oder mehrere "Hände" berechtigt sein mussten, die nach dem "Versterben" einer Hand vom Grundherren neu vergeben wurden. Leider schließt der Abschnitt des Urbars über Vynen mit den Worten: "die naeme ende di tale van den luden en conde man onss niet becleren" (=Namen und Zahl der Leute konnte man uns nicht angeben.) Nur ein "dyderic die ridder" vom Sedelhoff, ein "willam" vom Wyckshof und ein "lewe" von Balken sowie die Laten Rodinger van Senterwerde und Johan die Offman werden vorher angeführt. Aus jener frühen Zeit werden ferner "Heinricus de Vine" (1167 Inhaber des Hofes Vynen) und um 1300 Franco von Vynen erwähnt. Indes fehlen bis 1300 neben den Taufnamen nähere Kennzeichnungen, ab 1400 treten durchweg die Hofnamen hinzu und ab 1700 endlich wird in Vynen jedermann mit festem und unverlierbarem Familiennamen überliefert. 

Das "Kirchspiel und Gericht Vynen" war also zur klevischen Zeit viel bedeutender und größer als das heutige Dorf, da es ganz Marienbaum mitumfasste, wo bis 1675 alle Urkunden vor den "Schöffen von Vynen" und dem "Richter von Vynen" gesiegelt werden. Diese Schöffen, stets aus den inzwischen längst persönlich freigewordenen Laten (=Aufsitzern der Höfe) genommen, besaßen seit 1432 ein eigenes Siegel, "St. Martin darstellend", mit der Inschrift: "Segel der schepen van Vinen". Sie sprachen ursprünglich auch zwischen streitenden Parteien auf der Gerichtsbank unter der Hagelkreuzlinde Recht und nahmen die Verwaltung des Kirchenvermögens wahr. Berühmte Richter von Vynen waren die Richter Elbert van Vynen (1350-1365) und Arnt van dem Vrythove gen. Scoelmeister (1399-1426) sowie dessen Enkel gleichen Namens (1466 und 1473). Als Schöffen werden zwischen 1417 und 1675 immer wieder van den Speet, ingen Haege, ten Haeve (=Haupthof), by der Kercken, van Broickum oder Broickhem, Spaen, van Geesthuysen, Maeß, an gen Balcken, Verlaeck, van der Heyden, in gen Loe, Vynings, Lamberts, Elbertz, Bruckmans und ingen Wyck genannt. Nach 1675 werden die Preußen, die neuen Herren, das "Gericht Vynen" durch die Bürgermeisterei Marienbaum ablösen.  

Den Höhepunkt der klevischen und damit auch der Vynener Geschichte stellt also zweifellos das 15. Jahrhundert dar, das Adolf II., erster Graf von Kleve-Mark, auf dem Konzil zu Konstanz 1417 zum Herzog erhoben, durch seine Verlobung mir der Prinzessin Maria von Burgund eröffnet. Während er das Karthäuserkloster auf der Gravinsel bei Wesel stiftet, wird seine Witwe später das größte Ereignis in der Geschichte Vynens mit ihrer Freigebigkeit ermöglichen: Die Gründung der Wallfahrt zur "Zuflucht der Sünder" und die Stiftung des Birgittinendoppelklosters Marienbaum. So nimmt unser Dorf auf seine eigene fromme Art am Glanz dieser hohen klevischen Zeit teil. Die Vynener Schöffen von 1643 berichten darüber: "Wir Rutger Vijnings und Hinrich Lambertz, beide Schöffen des Kirspels Veynen, Ihm Fürstthumb Cleve gelegen, thun Kundt unnd Zeugenn auff Unse Froemigkeit mit diesen offenen brieff, Wie dass wir von Unse Kindtlichen tagen ahn biß auff diese stundt, Unnd von Unse Eltern Unnd Vor-Eltern Unnd auch von sehr alte Mans Unnd Fraws Personen Ihn Unß Kirspell Veynen gehördt Unnd Verstahn Unnd Vernohmen haben, daß das Ehrwerdige Bild Unse Liebe Fraw Zu Marienbaum, wahr bey von alters her bis noch auff dießen heutigen Tag zu So Viell Meraculen geschehen, wunderbarlicher Weiß ist gefunden worden von einem Schaffs Hirten, Ihn einem Eygenbaum. Unnd derselbigen Baum war Trappenweiß gewaßen, davon derselbige Platz zuvoren auch Trappenbaum ist genannt worden. Diß bekennen wir van Unse Eltern, Unnd Vor-Eltern Unnd die alte Männer und Frawn Unsers Kirspels Veynen oft Unnd Manchesmahl verstanden Unnd gehort haben Sonder Argelist Unnd ohne Eynige Verzweiffelung. Zur Urkundt Unnd Mehrer Versicherungh der Wahrheit haben wir Unter dießen brieff Unse beider Handtzeichen gesetzt Unnd darbeneben Unsers Kirspels Segell hier thun auftrucken nach der geburt Unser lieben Herr Jesu Christi Anno 1643 den 14. Junius." 

Dieses Ereignis erregte gewaltiges Aufsehen. Von nah und fern kommen Scharen von Kranken und Bresthaften zum Gnadenbild "aen gen Trappenboom" gezogen, so dass der Pastor von Vynen ihre Wünsche nach Beichte, Messe und Kommunion nicht mehr befriedigen kann. Er baut daher mit seinen Kirchmeistern 1438 in Broechem eine Kapelle (das jetzige Chor in Marienbaum) und lässt seinen Kaplan Arnoldus Bols zum dortigen Rektor ernennen. Schließlich erbaut die Herzogin, welche als Witwe auf Monterberg lebt, von 1457 bis 1460 "mit ungeheuren Kosten" ein großes Kloster und übergibt es 1460 sieben Schwestern und zwei Patres aus dem Kloster Marienwater in Holland. Bis zur Auflösung durch Napoleon soll es ein Stätte geistlichen Lebens im Kirchspiel Vynen werden. Der Lebensinhalt der Schwestern ist Gebet und Buße, der Priester Chorgebet und Wissenschaft. Gern und oft sind die Vynener darum in jenen Jahrhunderten zu ihrer Gottesmutter gepilgert, deren Gnadenbild an der Hauptstraße in einer kleinen Gnadenkapelle, in die hohe Klostermauer eingebaut, zur Verehrung ausgestellt war. 

Diesem Einfluß der Gottesmutter auf die gläubigen Bauern Vynens ist es zuzuschreiben, dass selbst im 16. Jahrhundert, als allüberall in deutschen Landen Herkommen und Sitte, Gehorsam und Ordnung durch den Spaltpilz der sogenannten Reformation in Auflösung geraten, Vynen noch so fest in Glaube und Denken des Mittelalters eingebettet ist, dass zwei Familien am 1. Oktober 1551 in der Pfarrkirche eine Blutsvikarie zu Ehren der Gottesmutter stiften, deren Inhaber der aus Vynen stammende Vikar Johann Ingenwyck wird. Auch sie wird bis Napoleons Zeiten bestehen bleiben und neben Johann Ingenhaeg, Lambert Lueb-Moshövel und J.H. de Greef in den letzten hundert Jahren im Besitz der Familie van Elsbergen aus Hönnepel sein. Der letzte Vikar Reiner v. Elsbergen, zugleich Stiftsherr von Wissel und Pfarrer von Hönnepel, stirbt am 27. Juni 1812, 96 Jahre alt. In der Gründungsurkunde dieser Vikarie wird im Jahre 1551 auch eine St.-Martinus-Bruderschaft in Vynen erwähnt, welche jährlich 2 Goldgulden zum Unterhalt des Vikars beisteuert. 

Wie wenig selbst Schwächen ihrer Pfarrer die Vynener ihrem katholischen Glauben entfremden konnten, zeigt uns die lange Amtszeit des Pastors Derck van den Camp (1486-1537), der 51 Jahre in Vynen war. Von ihm heißt es in den Korrektionsprotokollen des Archidiakons von 1496: "Weil er sich mit einem anderen Priester namens Johan geschlagen hatte, kam er freiwillig und bezahlte anderthalb Goldgulden als Strafe". Dieser Derck, der übrigens im Jahre 1499 auch zwei der noch vorhandenen Glocken anschaffte, muss also wohl ein ziemlich robuster Herr gewesen sein, der gut zu den Vynenern passte; denn außer ihm ist kein Pastor so lange (51 Jahre) in Vynen gewesen. Allerdings werden vor ihm manche Inhaber der Vynener Pfarrpfründe gar nicht im Dorf gewohnt haben, sondern sich dort durch Patres haben vertreten lassen. So wird 1413 noch ein Conrait als Leutepriester und 1460/61 sowie 1501 werden P. Wilhelm OP und Wilhelm von Lull als Vertreter genannt. Unter Pastor Derck van den Camp scheinen auch die Kunstwerke aus der Kalkarer Schule angeschafft worden zu sein, von denen u.a. der Ecce homo, die Schmerzhafte Mutter und der unbekannte Heilige am Pfeiler vorne rechts erhalten sind. Auch die Erlöserfigur, welche z.Zt. auf dem Chor hinter dem Taufbecken steht, könnte aus jener Renaissancezeit oder auch aus der Zeit nach dem 30jährigen Krieg stammen. Sie stand vor 1900 auf einem uralten Hochaltar. Die Gemeinde zählte um 1500 etwa 220 Erwachsene. Das entspricht etwa 300 Einwohnern insgesamt, Marienbaum mitgerechnet. 

Der Niedergang dieser zwei bis drei Jahrhunderte währenden Blütezeit brach erst mit dem 80jährigen Krieg (1568-1648) über den Niederrhein und damit auch über Vynen herein. Obwohl Herzog Adolf auch sein Dorf Vynen durch starke Landwehren (gegen Wardter Feld und zwischen Balken und Wassermühle gegen die Landstraße zu) hatte befestigen lassen, waren dem Pulver und Blei der neuen Kriegskunst nicht mal mehr die Kirchtürme gewachsen. Wie das Kloster Marienbaum, dessen Ordensleute von 1586 bis 1611 nach Kalkar flüchten mussten, so hatte auch Vynen in jenen Jahrzehnten unter den holländischen Truppen, welche gegen die Kaiserlichen standen, sehr zu leiden. Viele der strohgedeckten Höfe wurden eingeäschert und die Quälereien und Schikanen, denen die Bevölkerung ausgesetzt war, können gar nicht beschrieben werden. Vor allem die "Statischen Regimenter" hatten oft winterlang in Vynen ihr Feldquartier aufgeschlagen und bemühten sich eifrig, die Bewohner ihrem reformierten Glauben zuzuführen. Für die Pfarrer war es in dieser Zeit unmöglich, in Vynen zu wohnen. Deshalb waren von 1555 bis 1650 Xantener und Reeser Kanoniker für Vynen zuständig. Trotz der schrecklichen Zeitläufe fand der letzte unter ihnen, Jodokus von Dudinck, Dr. theol. und Apostolischer Protonotar, im Schutze der Reeser Immunität die Zeit, eine Reihe Bücher zu schreiben. Darunter ist ein Band "Mundus Marianus" oder "Beschreibung aller Orte der Welt, an denen die Allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria wunderbar verehrt wird", besonders berühmt geworden. Somit ist unter Vynens Pfarrern auch ein Gelehrter gewesen. 

Als unser Dorf daher am 11. Mai 1650 in Rudolf Gerardi wieder einen eigenen Pfarrer erhielt, stand dieser vor den Trümmern eines langen Krieges. Auch die Seelenzahl war sehr stark gesunken. Er ging jedoch mutig an den Wiederaufbau und schaffte im Jahre 1653 mit dem Gemeindevorsteher Johan Scholten (vom Schultzenhoff) sogar eine neue Glocke an, welche die Inschrift trägt: "S. Maria est nomen meum. Pastor Rudolphus Gerardi. Aedilis Johan Scholten. Van Johan Peter en Hen van Trier. Ich bin gevloten door het vier. 1653."

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