|
Im Beowulflied, das die Kämpfe der germanischen Stämme zu jener Zeit besingt, wird neben Hun, dem König der Hetwaren, auch ein Finn erwähnt. Angeregt durch den uralten Hofnamen Vyning möchte ich den Namen unseres Heimatdorfes ebenfalls von einem Franken dieses Namens ableiten. Denn es ist anzunehmen, dass die ehemals römischen Äcker von Vynen nach der Eroberung fränkisches Königsgut wurden. Dieses wurde einem der siegreichen Krieger als Lehen übergeben. Er hieß Finn bzw. Vynn und gab der Siedlung den Namen Vynin, d.h. "Leute des Vynn" (nach Henning Kaufmann, Genitivische Ortsnamen, Tübingen 1961, eine Wortbildung, die nicht ohne Parallelen ist). Aus Vynin, das tatsächlich um 1300 mehrmals vorkommt, wurde dann später Vynen.
Stimmt diese Deutung, dann ist unser Dorf in den Jahrhunderten der fränkischen Befreiung von dem freien Geschlecht der Vyninger (=Nachkommen des großen Vynn!) regiert worden, so wie das ganze Reich damals von den Merovingern geführt wurde. Mit diesem Königsgeschlecht begann für die germanischen Völker eine ganz neue Epoche. Als sich nämlich Chlodwig im Jahr 496 zu Christus bekehrte und in Reims die Taufe empfing, erfasste das ganze Frankenreich eine gewaltige Begeisterung. Sie spricht aus dem Gesetzbuch der salischen Franken, zu denen auch Vynen gehörte.
Es beginnt mit den Worten:
Es lebe CHRISTUS, der die Franken liebt,
ER beschütze ihr Reich,
ER beschütze ihr Heer,
ER verleihe die Schutzwehr des Glaubens.
Freuden des Friedens und Zeiten des Glücks
Verleihe in seiner Gnade
der Herr der Herrscher: JESUS CHRISTUS!
Einige Zeilen weiter heißt es:
Dies ist das Volk, das tapfer und stark
das harte Joch der Römer von seinem Nacken schüttelte,
und durch die Taufe erleuchtet
die Leiber der heiligen Märtyrer
von den Römern im Feuer verbrannt
oder wilden Tieren zum Zerfleischen vorgeworfen
oder mit dem Schwerte zerhauen,
kostbar mit Gold und edlen Gesteinen schmückte.
Die frommen Franken Vynens brauchten nicht weit nach solchen Helden ihres neuen Glaubens zu suchen. Eine halbe Stunde auf dem alten Römerweg genügte, um vor den Gebeinen der Xantener Märtyrer auf die Knie fallen zu können. Die Vynener Bauern, welche vorher auf blutigem Opferstein am Hagelkreuz ihre weißen Fohlen schlachteten, einem unentrinnbaren Schicksal, wie sie glaubten, verfallen, erlebten nun wirklich "Freuden des Friedens und Zeiten des Glücks". An die Stelle ihrer dunklen Götter, vor denen sie in Mittsommernächten und Sonnenwendfeuern erbebten, trat Christus, der Gott der Liebe und der Erlösung. Vor allem an den hohen Festen pilgerten sie deshalb zu seinen Märtyrern, um Kraft und Freude für ihren Alltag zu empfangen. Und es ist nicht verwunderlich, dass bereits im ältesten uns erhaltenen Heberegister des Xantener Stifts, das auf S. 3v des ältesten Totenbuches (v. Prof. Oediger in Kevelaer 1958 herausgegeben) erhalten ist, auch Vynen dreimal angeführt ist. Es sind die ersten uns bekannten Zuwendungen Vynener Christen für das Grab der Märtyrer.
Ein damaliger Ritter von Vynen wird es auch gewesen sein, der, aus dieser religiösen Begeisterung heraus, auf seinem königlichen Lehnshof die erste Taufkapelle baute. Er erwählte den hl. Rittersmann St. Martin zu ihrem Patron. Denn dieser Heilige sagte den fränkischen Kriegshelden besonders zu, und die merovingischen Könige hatten ihn zu ihrem Hausheiligen gemacht. Darum lässt dieses Patrozinium den Schluss zu, dass die erste Kapelle von Vynen bereits um 700 auf Königsgut entstanden sein kann. Damit aber begann sich unter den Bewohnern des großen Hofes am Alt-Vynschen-Weg eine neue Gemeinschaft zu bilden. Ihr Glaube, vielleicht durch St. Willibrord erneuert, machte aus bisher sich als Herren und Knechten gegenüberstehenden Menschen Brüder in Christus, die sich Sonntag für Sonntag um ihren eigenen Altar versammelten und im Namen Christi miteinander frohe Feste feierten. Ein letzter Rest jener glücklichen Jahrhunderte ist uns in der Vynener Kirmes (=Kirchweihtag!) erhalten geblieben. Noch heute versammeln sich an diesem Tage, dem letzten Sonntag im August, wenn die Ernte eingebracht ist, alle Vynener von nah und fern, um miteinander froh zu sein. Unsere Kirmes, vielleicht schon seit 1200 Jahren gefeiert, ist also eigentlich ein Geschenk der Kirche.
So wurden aus unterjochten Knechten allmählich friedliche Bauern, die nach dem Grundsatz "Ora et labora" fleißig und stetig ihre Brüche und Geeste, ihre Büsche und Heideflächen zu fruchtbarem Ackerland umwandelten und die grünen Fluren schufen, die Vynen heute so reizvoll machen.
Darum werden in jener Epoche auch die Höfe entstanden sein, welche bis Napoleons Zeiten das Dorfbild prägten. Zu ihnen gehörten außer Alt-Vynen, in dessen Mitte der Saalhof (Schultzenhof) lag, die späteren "königlichen Höfe" in gen vyc (Wyckshof), van den Speet (Spettmannshof), in gen haeg (Haus Haag), by der kercken (Kerkmannshof), ten balken (Haus Balken), vyning (Vyningshof), geesthuesen (Gesthuysen) und ingen loe (Loschenhof).
Indes, wie die Geschichte der Menschheit lehrt, verlieren große Ideale im Laufe der Zeit ihre Kraft. So ging es auch mit der unter der Herrschaft Christi aufgeblühten politischen Freiheit und Gerechtigkeit, deren Sachwalter der König als Stellvertreter Gottes war. Herzöge und Grafen, bisher jeweils vom König zum Dienst am Volke eingesetzt und gesandt, beginnen sich selbständig zu machen und in erster Linie ihre eigene Hauspolitik zu betreiben. So entbrannte am Niederrhein um 1000 ein Kampf um die Neubesetzung des Grafenamtes im Hattuariergau, in den auch Vynen hineingezogen wurde. Als nämlich Graf Gottfried (gest. 1010) nur einen unfähigen Sohn hinterließ, wollte sich Graf Wichmann von Vreden, der mit seiner Tochter Reinmod alias Emeza vermählt war, des Erbes bemächtigen. Dagegen begehrte sein nächster Blutsverwandter, Graf Balderich von Uplade, der mit der wilden Adela von Elten verheiratet war, auf, und es kam zu einem Kampf "von nibelungischen Ausmaßen", wie Gorissen schreibt. Balderich hielt den nördlichen Teil des Gaues um Kleve besetzt, Wichmann beherrschte den südlichen von der Burg Monterberg aus. Der Bauer des Reichslehens Vynen kämpfte mit seinen Leuten auf Wichmanns Seite. Als dieser 1016 von Balderichs Mannen meuchlings ermordet wurde, zog sich seine Witwe Emeza nach Xanten zurück, wo sie auch neben den Märtyrern begraben liegt.
Am Tag ihres Jahrgedächtnisses (13. November) das mit einem üppigen Festmahl begangen wurde, standen dem "Meier von Vynen" wohl zum Dank für seine ehemals treue Gefolgschaft, noch Jahrhunderte später "2 Schoppen Wein, ebensoviel Met und 8 Maß Bier" zu.
[ zurück ]
|